In dieser Rubrik teile ich fortlaufend spontane Informationen rund um das Thema Schellackplatten. Wenn mir im Sammleralltag etwas Wissenswertes oder Berichtenswertes begegnet, finden Sie die Information genau hier. Die Beiträge entstehen oft ganz spontan aus aktuellen Entdeckungen, interessanten Fachgesprächen oder Neuzugängen in meiner Sammlung. Diese Kategorie dient als dynamisches Nachschlagewerk und Wissenssammlung für alle, die den historischen Wert und die Besonderheiten ihrer Platten besser verstehen möchten.
ℹ️ Bitte beachten Sie, dass ich hier meine Erfahrungen nach bestem Wissen und Gewissen gerne mit Ihnen teile, ich aber für die Richtigkeit keine Gewähr übernehmen kann. Korrekturen und Ergänzungen von Sammlerkolleg*innen werden gerne aufgenommen..
Beitrag vom 18. Juli 2026:
Datierung britischer Schallplatten: Das Geheimnis der Steuerstempel (Purchase Tax Codes)
Wer historische Schallplatten aus Großbritannien sammelt, steht oft vor einem Rätsel: Wann genau wurde diese Pressung eigentlich hergestellt? Während das auf dem Label gedruckte Jahr meist nur das Datum der Erstveröffentlichung oder der Musikaufnahme (das Copyright) angibt, verrät uns ein kleines, oft unscheinbares Detail das exakte Herstellungsjahr: der britische Steuerstempel (Purchase Tax Code).
Zwischen Oktober 1940 und März 1973 erhob die britische Regierung eine Luxussteuer (Purchase Tax) auf Tonträger. Da die Steuersätze und die dazugehörigen Codes regelmäßig wechselten, hinterließen die Presswerke von EMI, Parlophone, Decca, His Master`s Voice (HMV) und Co. damit einen unbestechlichen Zeitstempel auf jeder Platte.
Der vorliegende Beitrag bezieht sich also nur auf 78 RMP-Schellackplattenära bis Ende der 1950er Jahre.
👉 Wo findet man die Steuerstempel?
Die Codes bestehen meist aus zwei Buchstaben (selten aus einem) und wurden auf drei verschiedene Arten auf der Platte verewigt: 1. Geprägt im Zentrum: Direkt in das Material um das Mittelloch herum (Spindle Hole) gestanzt. 2. Auf dem Label: Direkt auf das Papieretikett gedruckt. 3. Als Aufkleber: In den frühen Jahren (1940er) oft als kleiner, gezähnter Papierstempel aufgeklebt.
👉 Codes „T“, „DT“, „TT“ (Oktober 1940 – April 1946)
Die Codes helfen Sammlern, späte Nachpressungen von frühen Originalen zu unterscheiden und den Produktionszeitraum exakt einzugrenzen. Die Codes „T“, „DT“ und „TT“ dokumentieren die Jahre des Zweiten Weltkriegs. Die Steuer wurde mitten in der Produktion eingeführt (Sätze von 33⅓ % bis 100 %). Die Codes finden sich meist als winzige Papieraufkleber auf dem Label. Der seltene „TT“-Stempel markiert die härteste Phase der Kriegswirtschaft.
👉 Code „ST“ / 1. Phase (April 1946 – November 1947)
Erste zivile Nachkriegsproduktion bei 33⅓ % Steuer. Wegen akuten Rohstoffmangels enthalten Pressungen oft recyceltes Material und glänzen optisch etwas weniger.
👉 Codes „LT“ und „DT“ (November 1947 – Dezember 1948)
Wirtschaftlich turbulente Phase mit rasch wechselnden Steuersätzen (50 % bis 66⅔ %). Platten mit dem „LT“-Stempel stammen aus einem extrem kurzen Herstellungsfenster von nur fife Monaten.
👉 Code „ST“ / 2. Phase (Dezember 1948 – Dezember 1950)
Späte Nachkriegszeit (Steuersatz: 66⅔ %). Ein typisches Merkmal für späte Pressungen von Jazz-Klassikern (z. B. Louis Armstrong). Ein geprägter ST-Code belegt die Pressung im Jahr 1950, auch wenn die Musik Jahrzehnte älter ist.
👉 Code „AT“ (Dezember 1950 – April 1953)
Nachfolger des ST-Codes bei unveränderten 66⅔ % Steuer. Er grenzt die Pressung exakt auf die Jahre 1951 bis Anfang 1953 ein und dokumentiert die finale Hochphase der Schellack-Ära vor dem Vinyl-Durchbruch.
👉 Code „NT“ (April 1953 – Oktober 1955)
Steuersenkung auf 50 %. Musikalisch die Ära von Swing-Revival, Modern Jazz und frühem Rhythm & Blues. Die Platten bieten eine spürbar bessere Materialqualität, da die Nachkriegsknappheit überwunden war.
👉 Codes „RT“, „XT“, „UT“ (Oktober 1955 – April 1959)
Letztes Aufbäumen des 78er-Formats bei 60 % Steuer. Da viele Jugendliche noch keine Vinyl-Plattenspieler besaßen, wurden frühe Rock-'n'-Roll-Hits (z. B. Elvis Presley) parallel auf Schellack gepresst. Ein Beleg für originale Erstpressungen der Rock-Ära.
👉 Spätphase: Codes ab „ET“ (Ab April 1959)
Steuersenkung auf 50 %. Markiert das endgültige Ende der Ära, da Großbritannien die kommerzielle 78er-Produktion 1960 einstellte. Spätere Codes (wie WT oder OT) auf Schellack sind extreme Raritäten und stammen von späten Exportpressungen.
Beitrag vom 01. August 2026:
Das Finale einer Ära: Warum die Polydor 50 482 die spannendste Platte der „Teddies“ ist
Wer die deutschen Schlager der späten 1950er-Jahre sammelt, begibt sich auf eine Zeitreise an eine historische Bruchstelle. Es war die Epoche, in der die Schellackplatte ihre letzten Jahre erlebte und dem Siegeszug der Vinyl-Single wich. Mitten in diesem musikalischen und radikal technischen Umbruch tauchte 1957 ein deutsches Gesangssextett auf: Die Teddies.
Obwohl die Gruppe nur für eine kurze Zeit auf Schellack veröffentlicht wurde, sticht eine Veröffentlichung ganz besonders heraus: Die Polydor 50 482 mit den Titeln "Baby, oh Baby" und "Hejo, Hejo - Gin und Rum".
Warum gerade diese Platte innerhalb der kurzen Schellack-Diskografie der Teddies eine besondere Stellung einnimmt, zeigt der direkte Vergleich mit ihren Schwester-Pressungen.
Der Vergleich: Drei Meilensteine auf Schellack
Schaut man sich die Schellack-Ära der Teddies an, gibt es im Wesentlichen drei relevante Veröffentlichungen auf dem Polydor-Label. Sie dokumentieren zugleich den rasanten Wandel des deutschen Schallplattenmarktes im Jahr 1957:
👉 Der Startschuss: Polydor 50 413 (Kannst du pfeifen, Johanna? & Kannst Du schwimmen, Josefine?)
Anfang 1957 frisch formiert, war diese Platte das Lebenszeichen einer neuen Band. Technisch gesehen war Schellack zu diesem Zeitpunkt zwar bereits auf dem Rückzug, für den Massenmarkt jedoch noch immer das wichtigste Tonträgerformat. Entsprechend dürfte auch die Pressauflage dieser Platte noch vergleichsweise hoch gewesen sein.
👉 Der kommerzielle Hit: Polydor 50 445 (Wir waren drei Kameraden & Weißt Du, wie schön das ist )
Mitte 1957 landeten die Teddies - gemeinsanm mit Horst Wende und seinen Tanz-Solisten - mit diesem Titel einen echten Radio- und Verkaufserfolg. Weil sich die Platte hervorrgend verkaufte, ist sie auch heute noch vergleichsweise regelmäßig auf Flohmärkten, in Antiquariaten oder Auktionen anzutreffen.
👉 Das Sammler-Highlight: Polydor 50 482 (Baby, oh Baby & Hejo, Hejo - Gin und Rum)
Besonders interessant ist dabei die A-Seite: „Baby, oh Baby“ ist eine rasante Rock-'n'-Roll-Coverversion des Pat-Boone-Titels „Don't Forbid Me“ und zeigt eindrucksvoll, wie stark sich der deutsche Schlager zu dieser Zeit bereits an den modernen Klängen aus Amerika orientierte. Die deutsche Fassung der Teddies ist dabei etwas schneller als das Original und verleiht dem Titel dadurch noch mehr Schwung und Dynamik.
Gegen Ende des Jahres 1957 erschienen, markiert diese Platte das absolute Spätstadium der Schellack-Ära. Begleitet von Werner Müller und seinem Orchester präsentierten die Teddies eine gelungene Mischung aus modernem Vokal-Pop und Calypso-Rhythmen ("Hejo, Hejo - Gin und Rum"). Gerade im Bereich aktueller Schlager und Unterhaltungsmusik verlagerte sich die Nachfrage zu dieser Zeit jedoch immer stärker auf die neue 45-U/min-Vinyl Single.
Warum die 50 482 im Rampenlicht steht
Während die Polydor 50 445 der größte kommerzielle Erfolg de Teddies war, ist aus meiner Sicht die Polydor 50 482 heute die historisch weitaus spannendere Veröffentlichung.
Polydor verfolgte damals eine konsequente Doppelstrategie (Dual-Pressungen). Viele aktuelle Schlager erschienen sowohl als 45er-Vinyl-Single als auch als 78er-Schellackplalte. Bei der Polydor 50 482 schlug das Pendel jedoch schon extrem in Richtung Zukunft aus: Die Musikfans griffen zur Vinyl-Version (Polydor NH 23 482). Die Schellack-Variante dürfte wohl nur noch in einer winzigen Restauflage erschienen sein – vermutlich für die letzten Besitzer von Schellack-Musikboxen oder älteren Heim-Grammophonen.
Zwar sind keine veröffentlichten Produktionszahlen bekannt, doch die heute äußerst geringe Zahl nachweisbarer Schellack-Exemplare spricht dafür, dass die 78er-Ausgabe nur noch vergleichsweise geringe Verbreitung fand. Gerade diese Vermutung macht die Platte für Sammler besonders interessant. Sie steht symbolisch für den exakten Zeitpunkt, an dem die Schellackplatte ihre Rolle als Tonträger aktueller Unterhaltungsmusik endgültig verlor.
Nach dieser Veröffentlichung erschienen spätere Erfolge der Teddies – etwa Drei Matrosen (1958) – konsequent nur noch auf Vinyl-Single.
Mein Fazit für Sammler
Wer die Polydor 50 482 im Regal stehen hat, besitzt nicht nur "irgendeine" Schlagerplatte der fünfziger Jahre.
